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...mit dem größten Tauschring Südbadens!
Auf der Route des SEL quer durch Frankreich


Als ich in Toulouse ankam, war der Abend schon angebrochen und durch die Segnungen des Navis konnte ich meine Unterkunft in einem relativ zentral gelegenen Penthouse zum Glück recht zügig finden. Der Kontakt mit meiner Gastgeberin hatte nur per Mail stattgefunden und es war länger unklar gewesen, ob sie überhaupt da ist, so dass ich mit einem Plan B bei einer anderen Person gearbeitet hatte. Aber da ihr Seminar ausgefallen war, wurde ich herzlich empfangen und als ich zuerst in einem Anflug von Höflichkeit ein Abendessen der Umstände wegen ablehnte, zeigte sie sich erstaunt, da man doch nach seiner Ankunft etwas esse. Als sich raustellte, dass das Essen schon fertig war, konnte ich das Ganze als interkulturelles Missverständnis aufklären und wir ließen es uns schmecken. Generell ist es gut, die einzelnen Details möglichst genau abzusprechen, um Missverständnisse zu vermeiden. Denn bei einer privaten und eher familiären Unterkunft ergibt sich ein direkterer Kontakt mit den Menschen vor Ort, aber auch die beiderseitigen Wünsche, Erwartungen und Grenzen sollten klar sein – um später Enttäuschungen oder auch (offene oder verdeckte) Beschwerden zu vermeiden. Als Ausländer ist das aber offen gesagt nicht leicht. Es gibt zwar Franzosen, die Englisch, Deutsch oder auch andere Fremdsprachen sprechen, aber insgesamt ist für die Anbahnung und Abwicklung der Beherbergung und die Kommunikation vor Ort etwas Französisch schon mehr als nützlich.
Mit Marie, so hieß meine Gastgeberin, ergab sich auf jeden Fall ein Einblick in die Stadt von Toulouse, wie er sonst kaum möglich gewesen wäre. Am Abend machten wir noch mit meinem Auto eine Stadtrundfahrt und spazierten durch die Innenstadt, während sie wortreich auf Anekdoten und Besonderheiten hinwies. Am nächsten Morgen setzten wir die Erkundung fort, indem sie sich mit ihren schon 73 Jahren auf ihren Drahtesel setzte und ich mit einem der allgegenwärtigen Leihfahrräder auf einer Rundfahrt über die Märkte und zu den Sehenswürdigkeiten, Parks und Flüssen der Stadt folgte. Einmal mehr zeigte sich, dass Tauschring-Mitglieder häufig interessante Persönlichkeiten sind, indem sie viel von ihrer bewegten Geschichte auf langen Reisen, als frühere Maoistin und inzwischen intensiven Anwenderin eines besonderen Atem-Yogas erzählte. Leider musste ich schon am Nachmittag weiter, um rechtzeitig zum Intersel in Pamiers zu sein und dort erstmal eine Woche ohne die Route des Sel zu übernachten.
Die Route des Sel ist offen für alle. Man muss nur Mitglied in einem Tauschring sein. Das prüfen die Beauftragten (correspondants) vor Ort. In Freiburg ist das z. B. Rudi Eichenlaub und im Markgräfler Land Dorina Schlupper. Über die Webseite kann man ganz einfach eintreten (wobei auch hier Französisch-Kenntnisse gefragt sind). Wenn man einen jährlichen Papierkatalog haben will, kostet es 14 Euro, und macht man alles online, nur sieben Euro im Jahr. Man kann zu seinem Bild ein paar Angaben zur eigenen Person und den Interessen veröffentlichen und das eigene Unterkunftsangebot beschreiben: Wie viele Leute man aufnimmt, ob man Bettzeug stellt, wie weit es zum nächsten Zentrum oder den öffentlichen Verkehrsmitteln ist und wie lange man kommen kann und wie viel vorher man anfragen sollte usw. Leider veröffentlichen bisher nur wenige ein Bild der eigenen Unterkunft. Die Kosten werden in Nuitées abgerechnet. Für eine Nacht wird eine Tauscheinheit in Höhe von einer Stunde fällig. Die gegebenen und genommenen Nuitées werden gegeneinander aufgerechnet. Am Ende des Jahres wird ein Plus oder Minus auf das Konto des eigenen Tauschrings übertragen, so dass man auch übernachten kann, wenn man niemand bei sich aufgenommen hat und umgekehrt. Das Frühstück ist in der Übernachtung inbegriffen und Extras können zusätzlich verrechnet werden. Am Schluss füllen beide Beteiligten das Carnet de Voyage aus (das es noch auf echtem Papier gibt, wenn auch bereits Online-Versionen erprobt werden) und hinterlassen neben den Einheiten eventuell noch einen schönen Gruß oder eine Rückmeldung an das Gegenüber. Für Marie zog ich mir 1,5 Nuitées ab, da ein Abendessen enthalten war. Zwei Nuitées werden pro Jahr für den Aufwand des Verwaltungsteams berechnet.
Nach einer intensiven Woche in Pamiers fuhr ich gleich nach Lyon, da ich mir vorgenommen hatte, diese Stadt etwas genauer zu erkunden. Hier zeigte sich eine erste Tücke bei privaten Unterkünften. Obwohl ich auf Nummer sicher gegangen war und von zwei Personen Zusagen für eine Übernachtung erhalten hatte, konnte ich vor Ort niemanden davon erreichen und auch meine letzte Mail war unbeantwortet geblieben. Unterwegs ist das Umdisponieren per Internet oder auch mit dem Papierkatalog nicht ganz so einfach – wobei besonders das Telefonieren auf Französisch eher eine fortgeschrittene Übung ist. Aber durch Glück und eine Portion Vitamin B konnte ich noch bei Véronique und Antoine antoine et veroniqueunterkommen. Die beiden wohnen in einem großen und einige Jahrhunderte altem herrschaftlichen Haus mit Garten in einem Vorort nicht weit vom Zentrum von Lyon und erwiesen sich als sehr sympathisch und gastfreundlich, so dass ich in einem großen Zimmer mit Bad eine erholsame Nacht genoss und am nächsten Tag mit einer Menge nützlicher Tipps zur Stadterkundung aufbrechen konnte.
Meine nächste Station war wieder sehr ländlich, aber auch schon recht heimatlich. Denn Elke ist einerseits in der Route des Sel aktiv (und war mein oben genanntes Vitamin B) und ist anderseits vor vielen Jahren aus Deutschland ausgewandert. Jetzt wohnt sie mit ihrer Familie in einem Haus mitten im Grünen und abgeschieden von der nächsten Ortschaft. Hier hatte ich eine ganze Ferienwohnung für mich und konnte gleich von den Erlebnissen des Intersel berichten, da sie keine Zeit zum Kommen hatte. Gerade für Aufenthalte auf dem Land ist die Route de Sel sicher eine gute Möglichkeit. Es gibt natürlich auch in den Städten viele Unterkünfte, aber durch den französischen Zentralismus werden diese recht oft nachgefragt. Im ländlichen Raum gibt es meist viel Platz in jeder Hinsicht und es ist sehr erholsam. Allerdings muss man bei einer Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln klären, wie gut die Anbindung tatsächlich ist.
Nach meiner Rückkunft von dieser kleinen Frankreich-Rundfahrt war ich so motiviert, dass ich das nahe Mulhouse mit RDS näher erfahren wollte. Hier kam ich in Kontakt mit Mick, die mitten in der Altstadt wohnt und mir während ihres dreiwöchigen Urlaubs ihr Zweizimmer-Appartement mit Balkon zur Verfügung stellte. So konnte ich einige Zeit vor Ort leben, die Stadt kennen lernen und ins Kino gehen, als wäre ich hier zu Hause. Die Abwicklung war sehr unkompliziert und durch gegenseitiges Vertrauen und Offenheit geprägt. Bei der Übergabe der Schlüssel zeigte mir Mick einige versteckte Winkel und Besonderheiten der Stadt und erzählte manche Anekdote aus ihrem Leben, das sie als Tuareg aus Afrika über die Bretagne bis nach Mulhouse geführt hatte, wo sie jetzt als Rentnerin lebt. Es ist also immer sehr interessant, wen man mit der Route de SEL kennen lernen kann und welche Einblicke sich dadurch in das Leben vor Ort ergeben. Die Mitglieder sind sehr gemischt und es sind durchaus auch junge Leute und Familien darunter. Allerdings sind die Tauschringe in Frankreich – nach meinem Eindruck noch etwas mehr als in Deutschland – stark überaltert, so dass die Herbergen häufiger von allein stehenden Menschen in der zweiten Lebenshälfte angeboten werden. Aber dadurch haben sie auch oft Zeit, sich mehr um die Gäste zu kümmern und ihr reichhaltiges Wissen weiter zu geben.elkes haus
Die Route des Sel hat aktuell die Zahl von 3000 Mitgliedern erreicht, wobei sich die meisten in Frankreich befinden. Aktuell werden dort 2344 „Herbergen“ angeboten, in Belgien 192 und in der (französischen) Schweiz 43. In Deutschland gibt es 16, die sich zu einem guten Teil im grenznahen Raum befinden. Ein grenzüberschreitendes Reisen ist damit noch schwierig und bislang fehlt eine vergleichbare Struktur in Deutschland. Es gibt zwar Überlegungen, die Route de Sel stärker in Europa auszubreiten, aber dazu wäre neben einiger Übersetzungsarbeit auch eine Anpassung der administrativen und demokratischen Strukturen nötig (das Ganze funktioniert übrigens als Verein und bei einer jährlichen Generalversammlung kann online mitgestimmt werden).
Als Fazit lässt sich sagen, dass die Route des SEL eine gute Möglichkeit ist, um auf Tauschbasis besonders Frankreich kennen zu lernen und seine Sprachkenntnisse zu verbessern oder auch nette Leute zu beherbergen. Bei Interesse ist eine einjährige Mitgliedschaft für 7 Euro sehr zu empfehlen, die sich besonders am Jahresanfang lohnen kann. Außer der Internetadresse könnt ihr auch immer die Beauftragten eures Tauschrings nach Hilfe und weiteren Informationen fragen. Diese sammeln am Jahresende auch das Carnet de Voyage ein und verrechnen die Übernachtungen.
Webadresse: http://route-des-sel.org
Romin Hartmann